M. Voelchert – familylab
Sandra Schuster-Böckler im Gespräch mit Mathias Voelchert von familylab
Mathias Voelchert ist Betriebswirt, Praktischer Supervisor, Coach und Autor. Er berät Familien und Unternehmen und hat familylab.de – die familienwerkstatt, in Deutschland gegründet. Die Grundidee zu dieser Institution stammt von einem der bedeutendsten Familientherapeuten unserer Zeit, dem Dänen Jesper Juul. Voelchert und Juul arbeiten über familylab eng zusammen.
Der Grundsatz von familylab besteht darin, Familien und Menschen mit Führungsaufgaben zu stärken. Es geht darum, eine gesunde Führung auszuüben, die auf gegenseitigem Respekt und Annerkennung beruht. familylab bietet Orientierungshilfen, deren Basis nicht mehr das ‚Prinzip Gehorsam’ ist. Es geht um Gleichwürdigkeit, elterliche Wertschätzung und Hinführung zu Eigenständigkeit.
Herr Voelchert, wie sehen Sie die häufigen Problemsituationen/Konflikte zwischen Lehrern und Schülern?
M.V.: Lehrer kommen aus dem Studium mit einer sehr guten Fachkenntnis, hervorragend ausgebildet, was Unterrichtsinhalte angeht, doch was die Beziehung Lehrer/Schüler und die Herstellung der persönlichen Autorität betrifft, sind sie auf sich alleine gestellt. Referendare, die 25 Jahre jung sind, haben es schwer, sich von einem 15jährigen Respekt zu verschaffen. Da bedarf es einem persönlichen Handwerkszeug.
Das da wäre?
M.V.: Der junge Referendar sollte sich von seiner menschlichen Seite zeigen, jeden einzelnen Schüler als Menschen wahrnehmen, ihn erstmal kennen lernen, bevor er zum eigentlichen Lehrplan übergeht.
Die meisten Schüler antworten in meinen Fragebögen, dass sie sich strengere Lehrer wünschen!! Sie sehnen sich nach mehr Führung, sie wünschen sich den Lehrer als Respektperson!
M.V.: Die meisten „Lieblingslehrer“, die man selbst hatte oder die viele Kinder haben, das sind meistens die, die streng sind. Aber streng im Sinne von gerecht und verlässlich. „Lieblingslehrer“ sind fair und integer, geben Jugendlichen ein Geländer, an dem sie sich festhalten können, an dem sie sich orientieren können.
Ja, da haben Sie Recht. Aber warum werden diese Lieblingslehrer immer seltener? Und warum schaffen es viele Lehrer und Eltern nicht mehr, als Führungs- u. Respektperson zu fungieren?
M.V.: Weil sie es selbst nicht erfahren haben. Deshalb hat Jesper Juul familylab ins Leben gerufen. Es genügt nicht, die ganzen Beziehungsratgeber zu lesen, es geht auch darum, es praktisch zu erarbeiten! Hier geht es um dialogbasierte und nicht um hierarchiebasierte Ansätze. Den Kindern Orientierung geben, sie begleiten und führen lernen in einem gesunden Gleichgewicht aus gegenseitigem Respekt und Würde.
Dazu fällt mir der wunderbare Film Die Kinder des Monsieur Mathieu ein. So, wie dieser Lehrer mit seinen Schülern umgeht, so könnten es doch alle machen! Dieser Film ist Balsam für meinen Idealismus und bestärkt mich in dem was ich tue!
M.V.: Ja, diesen Monsieur Mathieu zeichnet eine vorbildliche Beziehungskompetenz aus. Vor allen Dingen übt er seinen Beruf mit viel Liebe aus. Bei diesem Lehrer haben sich die Herzen der Kinder geöffnet.
Ich glaube an solche Monsieur Mathieus. Meine Überzeugung ist, dass man alle Menschen in ihrem Herzen erreichen kann.
M.V.: Absolut. Nur so kann sich etwas ändern, wenn man die Menschen im Herzen erreicht und nicht im Kopf. Über den Kopf werden meist nur Ängste, Druck und Zwänge generiert.
Zum Thema Winnenden, wie sehen Sie das, was da passiert ist, Herr Voelchert?
M.V.: Wie verzweifelt, wie hilflos muss jemand sein, der so eine Tat begeht? Wenn man dem jungen Mann aus Winnenden vielleicht Ihren Fragebogen hätte ausfüllen lassen, eine Ihrer Fragen „Vor was hast Du Angst“, hätte eventuell als Einstieg in ein Gespräch mit ihm führen können…Deshalb finde ich Ihre Fragen sehr gut und wichtig. Der persönliche Zugang, den sie mit diesen sieben Fragen schaffen, ist klasse.
Also war die Tat eigentlich „Ein Schrei nach Hilfe“?
M.V.: Im Prinzip ja.
Was sagen Sie zu dem extremen Alkoholmissbrauch unter Jugendlichen?
M.V.: Die Zeiten haben sich geändert, ein Werteverlust ist entstanden, es gibt keine einheitliche Erziehungskultur mehr, sondern viele verschiedene Modelle. Heute haben wir allein erziehende Mütter und Väter, die kaum zuhause sind, weil sie arbeiten müssen. Die Kinder sind mehr auf sich alleine gestellt…
…auch der Bezug zur Natur ist ein Stück weit verloren gegangen.
M.V.: Heute gehen die Jugendlichen nicht mehr heimlich im verbotenen Weiher schwimmen, heute gehen sie auf verbotene Webseiten … oder machen schon viel zu früh Erfahrungen mit dem „verbotenen“ Alkohol. Unsere Gesellschaft muss lernen, mit dem nie da gewesenen Maß an Freiheiten und Konsummöglichkeiten besser umzugehen. Da geben wir Erwachsenen jeden Tag ein schlechtes Vorbild.
Was raten Sie Eltern, die ihre Kinder wie „rohe Eier“ behandeln und stundenlang im Supermarkt diskutieren, warum sie dies und jenes jetzt nicht kaufen wollen. Mir fällt dazu das Buch von Jean Liedloff Auf der Suche nach dem verlorenen Glück ein. Kennen Sie das?
M.V.: Ja. Ähnliche Ansichten teilt auch Jesper Juul. Eltern müssen lernen, die Kinder nicht zum Mittelpunkt, zum Zentrum ihres Lebens zu machen. In das Zentrum gehören die Eltern, die Paarbeziehung. Kinder wollen nicht ständig im Fokus der Erwachsenen stehen. Sie lernen durch Abschauen und dabei sein. Kinder sind kein Partnerersatz. Kinder brauchen Zutrauen und Vertrauen in ihre Selbstverantwortung und ihre instinktiven Fähigkeiten. Natürlich Hand in Hand mit der nötigen sanften Führung, die sie brauchen.
Ich bin froh, dass es familylab gibt und sozialkompetente Menschen dahinter stehen. Menschen, die ihr Herz auf dem richtigen Fleck haben. Herr Voelchert, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch.