Dr. Chr. Schäfer – Mediatorin
Sandra Schuster-Böckler im Gespräch mit Frau Dr. Christa Schäfer
Frau Dr. Christa Schäfer ist Pädagogin, Mediatorin BM, Buddy-Trainerin und systemische Beraterin.
Ihre Recherchen von 2005 ergeben, dass die Schulen von heute mit folgenden Termini beschrieben werden: “fehlende Disziplin” und “verhaltensauffällige Schüler”. Ihre Dissertation trägt den Titel “Unterrichtsstörung”. Können Sie mir einen kurzen Anhaltspunkt dazu geben?
C.S.: Heutzutage wird noch viel mit dem Begriff der Schuld gearbeitet.
Das Stichwort der “fehlenden Disziplin” macht den Lehrer häufig für das mitverantwortlich, was in der Schule falsch läuft, es gibt dem Lehrer die Schuld für misslungene Situationen. „Er soll besser durchgreifen”, so heißt es dann. Das Stichwort „verhaltensauffällige Schüler” hingegen gibt dem Schüler die alleinige Schuld. „Man muss den Schüler ändern, dann klappt alles!”, so die gängige Meinung dazu.
Deshalb gefällt mir das Stichwort „Unterrichtsstörungen” so gut. Es weist keine Schuld zu, sondern stellt zunächst das Verstehen in den Mittelpunkt und interpretiert Unterrichtsstörungen dann hauptsächlich vom Unterricht bzw. von der Beziehungsstruktur her.
Schüler, Lehrer, Unterricht bilden dabei ein Gesamtsystem, zu dem natürlich auch Freunde und Familie gehören. Läuft jedes System in sich rund und das Gesamtsystem auch reibungslos, so gibt es keine Unterrichtsstörungen – die gibt es erst dann, wenn das Gesamtsystem irgendwo aus dem Gefüge gerät, erst dann gibt es kritische Situationen in der Schule.
Unterrichtsstörungen sind ein Schlüssel zur Lösung einer Problemsituation.
Bei Unterrichtsstörungen ist immer Beziehungsklärung und Unterstützung für eines der beteiligten Teilsysteme erforderlich. An solchen Situationen sollte gemeinsam gearbeitet werden. Denn wenn man jemandem Schuld gibt, blockiert das die Problemlösung. Darum ist eine offenere Sichtweise sehr hilfreich.
Sie sind unter anderem Mediatorin an Schulen. Was genau macht ein Mediator?
C.S.: Ein Mediator hilft zwei oder mehreren streitenden Parteien dabei, eine Lösung für ihr Problem oder ihren Konflikt zu finden. Dabei ist ein Mediator allparteilich und verschwiegen. Er leitet den Gesprächrahmen und die an der Mediation Beteiligten geben den Inhalt.
Die Mediation wird an Schulen meist für Streitigkeiten zwischen Schülerinnen und Schülern eingesetzt. In letzter Zeit wird jedoch auch offener mit Konflikten im Kollegium oder beispielsweise zwischen Lehrern und Eltern umgegangen, da werden auch diese Konflikte oft statt mit Macht mit Mediation gelöst.
Das Schöne an der Mediation in Schulen ist, dass hier Schüler zu Konfliktlotsen oder Streitschlichtern ausgebildet werden. Diese ausgebildeten Schüler (Buddys) wissen dann, wie man Streit schlichtet, wie man deeskalierend auf andere einwirken kann und wie man sich selbst gut im Streit verhält. Das prägt diese Schüler für ihr Leben und sie gehen mit einer persönlichen Stärke aus der Schule raus.
Irgendwann habe ich jedoch gedacht, warum sollen immer nur einige Schüler eines Jahrgangs, nämlich die, die zu Konfliktlotsen ausgebildet wurden, Konfliktkompetenz erwerben? Und seitdem setze ich verstärkt auf die präventive Arbeit in Schulen, also beispielsweise Klassenprogramme mit dem Titel „Fair streiten lernen” oder auch das Buddy-Programm.
Haben Sie in Ihrer Arbeit das Gefühl, die meisten Lehrer sind überfordert in Ihrem Beruf?
C.S.: Das möchte ich doch etwas einschränken. Ich habe das Gefühl, dass einige Lehrer mit bestimmten Situationen im Schulalltag nicht umgehen können – das betrifft dann oft die Arbeit mit einem Schüler, mit einer Schülergruppe oder auch den Konflikt mit anderen Kollegen oder ähnliches. Viele Lehrer haben an der Uni ihr Fach studiert – beispielsweise Mathematik oder Chemie. Sie sind dadurch Experten für dieses Fach geworden, sind aber nicht genügend auf die Schulsituation, auf die konkrete Arbeit mit den Schülern, auf Problemsituationen im Schulalltag, auf die Arbeit mit einer Gruppe, auf Beziehungs- und Erziehungsarbeit vorbereitet worden. Deshalb stehen sie dann manchmal hilflos vor der Klasse und wissen nicht mehr weiter.
Vor kurzem ist ja auch die Lehrerstudie Talis (Teaching and Learning International Survey) erschienen. Dort wurde herausgefunden, dass sich Lehrer weltweit vom Schulalltag überfordert fühlen. Diese Lehrer leiden vor allem unter Schülern, die ihren Unterricht stören. Man muss sich mal vorstellen, dass ¼ aller Lehrer angegeben haben, dass sie ca. 30 % ihrer Unterrichtszeit durch störende Schüler „verlieren”.
Das ist doch meiner Ansicht nach ein dringender Aufruf, die derzeitige Situation in der Lehrerbildung und Lehrerweiterbildung zu ändern!
Übrigens hat Deutschland an der Talis-Untersuchung nicht teilgenommen … Die Begründung der Kultusminister hierzu war, dass ja sowieso keine neuen Erkenntnisse durch die Studie zu erwarten wären. Das stimmt, wäre aber noch ein Grund mehr, die Lehrer zu unterstützen!
Glauben Sie, dass man alle Kinder erreichen kann? Auch die, denen angeblich „nicht mehr zu helfen ist”?
C.S.: Aber natürlich!
Allerdings kann es natürlich nicht der Lehrer sein, der allen Kindern „hilft”. Manchmal ist es vielleicht ein Sozialpädagoge in der Schule, der sich die Probleme dieses Kindes anhört und ein Stück des „Leidens” mit trägt. Und manchmal ist es ein Klassenkamerad, der den Schüler morgens von zu Hause abholt, weil die Eltern bereits arbeiten sind und ihn nicht wecken können oder weil die Eltern sowieso bis Mittags schlafen und der Schüler deshalb auf sich alleine gestellt ist. – Das bezeichnet man dann als Buddy-System.
Für jedes Kind gibt es Hilfe. Die Erwachsenen müssen nur empfangsbereit sein für Kinder in Notsituationen, sie müssen ihre Augen und Ohren offen haben. Danach ist es wichtig, dass sie achtsam, besonnen und der Situation angemessen reagieren. Mal sind dann Taten gefragt und mal ist es einfach nur wichtig, für das Kind da zu sein …
Was können Ihrer Meinung nach die zuständigen Kultusministerien machen, damit sich die allgemeine Situation an Schulen verbessert?
C.S.: Das ist eine einfache und schwierige Frage zugleich.
Die Kultusministerien sollten einerseits in die Lehrerbildung investieren. Referendare müssen besser vorbereitet werden auf die Kinder und den schulischen Alltag heute. Nicht nur das Fachwissen, sondern auch das pädagogische, psychologische und kommunikationstheoretische Wissen muss genügend ausgeprägt werden. Lehramtsanwärter müssen begreifen, dass auch die Beziehungsarbeit eine ganz wichtige Aufgabe im Feld der Schule ist.
Andererseits fehlt natürlich den Schulen Personal, und mit Personal meine ich LehrerInnen, SozialpädagogInnen, PsychologInnen und andere SpezialistInnen. Kleinere Klassen und neue Lehr- und Lernmethoden sind angesagt. Da fehlt es nicht nur an Geld für die Schulen, sondern auch an der Ausstattung mit genügend Ressourcen. Schule kann und muss zu einem Ort des Lebens und Lernens für die Schüler werden!
Was glauben Sie, ist der Grund, dass wir plötzlich Buddy-Trainer, Mediatoren und Coaches an Schulen brauchen? Hat das etwas mit unserem allgemeinen Werteverfall zu tun?
C.V.: Ich möchte gar nicht so sehr auf das Wort „Werte” abzielen. Vielmehr finde ich, dass uns der sensible Umgang miteinander nicht genügend gelingt.
Manche Kinder haben in ihrer Familie keine echten und kompetenten Ansprechpartner; sie lernen dadurch nicht, wie sie am besten mit sich und ihren Gefühlen umgehen können. Dadurch bekommen sie beispielsweise ihre Wut nicht in den Griff und hauen in der Schule einfach drauf – anstatt das Problem zu besprechen. Hier fehlt es an der Entwicklung sowohl der personalen als auch der emotionalen und sozialen Intelligenz.
Andere Kinder haben keine Geschwister, einen großen Fernseh- bzw. Computerkonsum und hatten gar niemanden ihres Alters, mit dem sie Konfliktlösungsstrategien üben konnten – sie sind auf sich allein gestellt. Wieder andere SchülerInnen haben zwar ein zu Hause mit Eltern, die den ganzen Tag zu Hause sind und fünf Geschwistern in einer Zwei- oder Drei-Zimmer-Wohnung – aber keinerlei Anreize für ihre persönliche Weiterentwicklung, auch sie sind auf sich alleine angewiesen.
Die Lebenssituationen von Kindern haben sich verändert. Deshalb muss sich die Schule mit verändern und auf die Verhältnisse reagieren !!
Was halten Sie davon, wenn in Hauptschulen in 9. Klassen den Jugendlichen beigebracht wird, wie man einen Hartz IV -Antrag ausfüllt?? Ich dachte erst, das wäre ein Witz, als ich das gehört habe!
C.V.: Das habe ich bisher auch noch nicht gehört.
An diesem Beispiel erkennt man, dass in der Schule oft am „Negativen” angesetzt wird. Lehrer, die Schülern beibringen, wie man einen Hartz IV-Antrag ausfüllt, gehen doch schon davon aus, dass ihre Schüler sowieso keine Arbeit finden. Und Schülern, denen man in der Schule beibringt, einen solchen Antrag auszufüllen, werden mutlos und strengen sich vielleicht gar nicht mehr an, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Das nennt man dann self fulfilling prophecy (selbsterfüllende Prophezeiung).
Viel besser würde Schule daran tun, mit den Schülern Visionen zu erarbeiten, ihnen Ziele zu geben (seien sie realistisch oder unrealistisch) und ihnen durch das solide Arbeiten einen Weg dahin zu eröffnen.
Ich finde die Arbeit die Sie machen sehr gut. Ich habe das Gefühl, Sie versuchen die Kinder und auch die Erwachsenen in ihrem Herzen zu erreichen. Ich glaube ja, das ist der einzige Weg. Aber ich bin auch für Disziplin und Führung, damit die Schüler wissen, woran sie sind und dass es Regeln gibt, die eingehalten werden müssen. Wie sehen Sie das?
C.S.: Ich stimme Ihnen vollkommen zu, dass Disziplin, Führung und Regeln notwendig sind. Es kommt allerdings auf die Art und die Ausführungsweisen an.
Führung über Macht und Druck sollte einem Führungsstil weichen, der durch eine innere Autorität und die Bereitschaft zum Dialog geprägt ist.
Das Thema Regeln sollte sogar direkt im Unterricht oder in der Familie angesprochen werden. Wenn Kinder Regeln verstehen und sogar mit gestalten, ist die Wahrscheinlichkeit viel größer, dass sie die Regeln auch einhalten. Aber nicht nur das, zudem können Kinder durch eine Diskussion über Regeln begreifen, wozu diese da sind. Sie können ihre Sichtweise über eine Verhaltensweise darlegen und erfahren ganz wertneutral auch die Sichtweise ihrer Lehrer und Mitschüler bzw. Eltern zum Thema. Dies führt einerseits zu Toleranz untereinander, andererseits aber auch zur verstärkten Regeleinhaltung (weil ich ja weiß, warum die Regel so formuliert wurde und wie es dem anderen geht, wenn ich sie nicht einhalte).
Darüber hinaus gibt es auch ungeschriebene Regeln. Durch die bewusste Regelgestaltung lernen Kindern auch hierfür eine ganze Menge und die „Disziplin” stellt sich fast wie von selbst ein.
Kinder wollen geliebt und anerkannt werden. Setzt man am positiven Verhalten an, so wird dieses verstärkt und das hat letztlich viel mehr Effekt als wenn am Negativen angesetzt wird. Da ist es besser eine Regel positiv zu formulieren, wie beispielsweise: „Ich höre zu (jeder von uns hört zu), wenn jemand anders spricht.” als die Formulierung: „Ich darf niemanden unterbrechen.”
Kennen Sie Prof. Dr. Kurt Singer und sein Buch „Die Schulkatastrophe”? Darin plädiert er für ein Nicht-Sitzenbleiben der Schüler. Er ist davon überzeugt, dass man viel zu viele Schüler eine Klasse wiederholen lässt, obwohl es nicht nötig ist. Wie sehen Sie das?
C.S.: Ich finde wie Herr Singer, dass die Situation sogar noch dramatischer ist: Man lässt viel zu viele Schülerinnen und Schüler die Schule durchlaufen, ohne dass sie ausreichend gefördert und gefordert werden!
Ich wünsche Ihnen, dass Sie soviele Menschen wie möglich mit Ihrer Arbeit erreichen können! Ich danke Ihnen für dieses Gespräch Frau Dr. Schäfer.