Sandra Schuster-Böckler im Gespräch mit Prof. Dr. Gerald Hüther

Hüther, Gerald, Dr. rer. nat. Dr. med. habil. ist Professor für Neurobiologe und leitet die Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen und des Instituts für Public Health der Universität Mannheim/Heidelberg. Wissenschaftlich befasst er sich mit dem Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, mit den Auswirkungen von Angst und Stress und der Bedeutung emotionaler Reaktionen. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und populärwissenschaftlicher Darstellungen (Sachbuchautor).

Weltweit bekommen etwa 10 Millionen Kinder Ritalin verschrieben, in Deutschland sind es etwa 700.000. Und das, obwohl der wissenschaftliche Beweis für den biologischen Ursprung der „Krankheit“ AD(H)S noch nicht erbracht ist. Wahrscheinlich wird es nie einen genetischen Beweis dafür geben, weil diese Störung einen anderen Ursprung hat.

Prof. Dr. Hüther, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit AD(H)S. Wenn diese mittlerweile „etablierte Krankheit“ kultureller und gesellschaftlicher Natur ist, warum bestehen so viele Ärzte und Experten immer noch auf der wackeligen Annahme, AD(H)S wäre eine echte Krankheit genetischen und biologischen Ursprungs?

G.H.: Damals, als das Krankheitsbild in den achziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts definiert wurde, wusste man nicht, wie formbar Kindergehirne sind, wie sich die Hirnstrukturen anhand der während der frühen Kindheit gemachten Erfahrungen erst herausbilden. Damals ging man noch davon aus, dass es nur irgendwelche fehlerhaften genetischen Programme sein könnten, die zu solchen Störungsbildern führten.
Diese Vorstellung war in vieler Hinsicht vorteilhaft. Sie bürdete niemanden Verantwortung auf und entlastete damit nicht nur die Eltern, sondern auch die Erzieher und Lehrer. Und sie passte zum Reparaturdenken der damaligen Zeit: Wenn etwas nicht richtig funktionierte, nahm man eben eine Pille.

Was raten Sie Eltern, die bei ihren Kindern die berühmten AD(H)S-Symptome erkennen:


1.Beeinträchtigte Aufmerksamkeit z.B. Träumen, Konzentrationsschwierigkeiten
2. Impulsivität, mangelnde Selbststeuerung
3. motorische Überaktivität

“Charakteristisch für eine Aufmerksamkeits-Defizit-Störung (ADS) ist ein ausgeprägt unaufmerksames und impulsives Verhalten, vor allem in Gruppensituationen.

Bei der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) kommt noch Unruhe und übermäßiger Bewegungsdrang dazu.

Die Störung tritt schon im frühen Kindesalter auf

Sie ist nicht nur vorübergehend (hält also schon mindestens länger als sechs Monate an)”
(Quelle: www.adhs.de)

(Übrigens habe ich persönlich dann auch ab und zu ADS und ADHS…, denn diese Symptome treffen je nach Situation auf viele Menschen zu….)

G.H.: Diese Eltern sollten sich nicht gleich verunsichern lassen, wenn Erzieher oder Lehrer meinen, ihr Kind hätte ADS. Sie sollten sich erst einmal in Ruhe umhören und sich mit anderen Personen austauschen, die ihr Kind kennen und die es auch mögen. Vielleicht haben die eine Idee, wie ihm zu Hause, in der Schule und vor allem im Umgang mit Freunden geholfen werden kann.

Sie waren dieses Jahr mit elf Jungen auf einer Südtiroler Alm. Acht Wochen befanden sich die Kinder mit der ADS-Diagnose ohne TV, Computer und Zucker mit drei Betreuern in einer Art „Naturtherapie“. Die Jungs werden alle mit Ritalin behandelt. In diesen acht Wochen mussten sie ohne dieses Mittel auskommen. Im STERN (29.10.09) wird über dieses Projekt berichtet. Ich habe den Eindruck, diese Maßnahme war durchweg positiv. Glauben Sie, so etwas wie das „Almprojekt“ könnte eine echte Alternative für Ritalin werden?

G.H.: Wir können nicht alle 700.000 Kinder, die allein in Deutschland mit der Diagnose ADS herumlaufen auf Almen schicken. Mit dem Almprojekt „via nova“ sollte nur gezeigt werden, dass es geht, dass es möglich ist, diesen Kindern eine Lebenswelt zu bieten, in der diese ADS-Symptomatik verschwindet – ohne Pillen.
Wenn viele Eltern erst einmal wissen, dass es überhaupt möglich ist, dass es prinzipiell funktioniert, werden sie vielleicht ermutigt, selbst zu versuchen, auch zu Hause eine Lebenswirklichkeit und Erfahrungsräume zu schaffen, die auch ihrem Kind helfen, aus diesen ungünstigen Verhaltensmustern herauszufinden.

Immer öfter werden Stimmen laut, die fordern, Ritalin rezeptfrei zu machen. Besonders von Studenten weiß man, dass sie das Methylphenidat als Doping zum Lernen und für Prüfungen nutzen, ähnlich wie für viele Radrennfahrer EPO zum Sportalltag gehört. Ist das nicht erschreckend? Sie haben mal gesagt, dass die Dauereinnahme von Ritalin Parkinson auslösen kann. Wie sehen Sie das, wenn man Ritalin plötzlich rezeptfrei in der Apotheke kaufen kann?

G.H.: Erwachsene müssen selbst entscheiden, ob sie sich mit Hilfe von Psychostimulanzien noch besser an die absurden Leistungsanforderungen unserer gegenwärtigen Gesellschaft anpassen wollen. Aber Kinder können das noch nicht selbst entscheiden, diese Entscheidung müssen ihre Eltern als verantwortungsbewusste Erwachsene treffen. Dabei sollten diese Eltern aber bedenken, dass all das, was die Pille dem Kind ermöglicht, dann auch von diesem Kind selbst nicht mehr entwickelt werden muss.

Was glauben Sie, warum so viele Eltern verunsichert sind, was die Erziehung ihrer Kinder angeht, und immer mehr die Verantwortung an Experten abgeben bzw. sich dort Rat einholen?

G.H.: Es gehört sehr viel Erfahrung und auch viel Mut dazu, sich nicht dauernd von den vielen Ratschlägen und erhobenen Zeigefingern der allgegenwärtigen Experten beeindrucken zu lassen. Und es ist ja auch nur allzu verständlich, dass Eltern das Beste für ihr Kind wollen und dafür sogar bereit sind, ihm Pillen zu geben. Manche wissen sich auch gar nicht mehr anders zu helfen und wollen nur noch Ruhe. Sie haben dann den Mut in ihre eigene Erziehungskompetenz ganz verloren und sind froh, wenn ein „Experte“ sich der Sache annimmt.

Wie können wir dazu beitragen, diesen enormen Leistungsdruck und die hohen Anforderungen, die heutzutage an die Kinder und Jugendlichen gestellt werden, einzudämmen?

G.H.: Indem wir uns fragen, was Kinder brauchen und nicht wie wir sie für unser Wirtschaftssystem optimal vorbereiten.

Vielen dank für dieses Interview !!

Informationen zu Prof. Dr. Hüther

Sachbücher:

1. G. Hüther: Biologie der Angst, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1997.

2. G. Hüther: Die Evolution der Liebe, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1999.

3. G. Hüther: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2001.

4. G. Hüther: Die Macht der inneren Bilder, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2004.

5. G. Hüther, H. Bonney: Neues vom Zappelphilipp. Walter Verlag Düsseldorf, 2002.

6. G. Hüther, I. Krens: Das Geheimnis der ersten neun Monate. Walter Verlag Düsseldorf 2005.

7. K. Gebauer, G. Hüther: Kinder brauchen Wurzeln, Walter Verlag Düsseldorf, 2001.

8. K. Gebauer, G. Hüther: Kinder suchen Orientierung, Walter Verlag Düsseldorf, 2002.

9. K. Gebauer, G. Hüther: Kinder brauchen Spielräume, Walter Verlag Düsseldorf, 2003.

10. K. Gebauer, G. Hüther: Kinder brauchen Vertrauen. Patmos Verlag Düsseldorf 2004.

11. C. Nitsch, G. Hüther: Kinder gezielt fördern. Gräfe und Unzer, München, 2004.

12. M. Storch, B. Cantieni, W. Tschacher und G. Hüther: Embodiment. Huber 2006

13. W. Bergmann, G. Hüther: Computersüchtig. Kinder im Strudel der Medien. Walter 2006

14. J. Prekop, G. Hüther: Die Schätze unserer Kinder. Kösel Verlag 2006

15. Hüther, G., Nitsch, C., Wie aus Kindern glückliche Erwachsene

werden, Gräfe und Unzer Verlag München 2008.

16. Hüther, G., Roth, W., von Brück (Hg.), M., Damit das Denken Sinn

bekommt, Herder Verlag Freiburg 2008.

17. Hüther, G., Michels, I.: Gehirnforschung für Kinder, Felix und Feline entdecken

das Gehirn, Kösel Verlag 2009.

18. Hüther, G.: Männer – Das schwache Geschlecht und sein Gehirn,

Vandenhoeck& Ruprecht 2009.

DVD`s von Vorträgen und Seminaren:

www.auditorium-netzwerk.de

Prof. Hüther ist Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates der Sinn-Stiftung (www.sinn-stiftung.eu)

Prof. Hüther ist Gründungsmitglied folgender Netzwerke:

- Archiv der Zukunft, Netzwerk für Schulentwicklung

(www.adz-netzwerk.de)

- Wissenschaftliches interdisziplinäres Netzwerk für Erziehung und Bildungsfragen

(www.win-future.de)

- Netzwerk für humanitäre Fragen in der Wirtschaft

(www.forum-humanum.eu)

Ehrenmitgliedschaften

International Association for Human Values

World Parliament of Clowns

Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Beiräten und Kuratorien:

Deutsches Demographisches Netzwerk (ddn)

Deutscher Philologenverband

Stiftung Kinderland Baden-Württemberg

Forum Frühpädagogik

Netzwerk Frühe Hilfen

Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (F.E.S.T.)

Zeitschrift „Familiendynamik“

Beratungsfirmen, die von Prof. Hüther begleitet werden:

www.com-unic.de

www.screen-team.net

www.grow-academie.com

www.fuerstenberg-institut.de