Sandra Schuster-Böckler im Gespräch mit Martin Dörrlamm, Streetworker aus Frankfurt

Martin Dörrlamm gehört zu den Frankfurter „Walkman“, eine Gruppe Sozialarbeiter, angestellt bei der Stadt Ffm, die sich um Kinder und Jugendliche kümmern, die keinen Wohnsitz mehr haben. Martin arbeitet seit 14 Jahren als Streetworker, das Büro der „Walkman“ befindet sich direkt im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Ich möchte mit Dir über Deine Arbeit sprechen, über die Kinder, mit denen Du zu tun hast.

M.D.: Ich weiß nicht, ob meine Arbeit wirklich in die Thematik Deines Projektes passt, denn die Kids bei uns sind nur ein ganz kleiner Teil dieser Gesellschaft, „die, die aus dem System raus gefallen sind“.

Genau das finde ich wichtig. Denn im Prinzip kann das jedem Kind passieren, wenn nur genug schief läuft in seinem jungen Leben …

Ich habe den Eindruck, dass sich die letzten zehn Jahre extrem viel verändert hat. Ich spreche davon immer wieder…es herrscht ein rauher Wind in unserer Gesellschaft und „die guten alten Werte“ existieren nicht mehr wirklich. Wie siehst Du das? Gibt es auch bei Dir im Job diese auffälligen Veränderungen?

M.D.: Mir ist aufgefallen, dass die Kinder eines ganz klar haben, sie glauben nicht mehr, dass ihnen tatsächlich geholfen werden kann. Ich würde sagen, die meisten haben keine Perspektiven mehr.

Die Kids haben ein enormes Gepäck bei sich, in Form von Verletzungen, Gewalt und Missbrauch. Früher konnte man gegen dieses Gepäck noch ankämpfen, Anleitungen bieten für neue Wege. Heute ist das alles sehr schwierig geworden. Diese jungen Menschen haben vom Leben nichts mehr zu erwarten; das spiegelt ihnen jedenfalls die Gesellschaft wieder.

Meinst Du, früher gab es noch mehr eine Art „Mitte“, in die man sich schneller wieder eingliedern konnte? Heute geht es nur noch entweder hoch an die Spitze oder eben runter zu den “Verlierern”…

M.D.: Nein, ich meine eher, dass früher der allgemeine gesellschaftliche Anspruch so aussah, dass man hier menschenwürdig leben kann. Auch wenn mal jemand aus dem System „raus gefallen“ ist, war das Bestreben nach Wiedereingliederung von allen Seiten relativ groß.

Heute haben die Eltern dieser Kinder meist selbst keine Perspektive in dieser Gesellschaft, und das bekommen diese Kinder am eigenen Leib zu spüren. Woher sollen sie für sich eine gesunde Motivation für ihre Zukunft nehmen?

Wie alt sind die Kinder im Schnitt, mit denen Ihr arbeitet?

M.D.: Zwischen 14 und 18 Jahre. Die über 18jährigen, die nach dem Kinder- u. Jugendgesetz ebenfalls Anspruch auf Jugendhilfe hätten, sind mit unserem Arbeitsansatz nur schwer zu erreichen, da sie für Jugendhilfen kaum mehr zu realisieren sind. Das finden wir dramatisch. Im Prinzip werden die „älteren“ Kinder mehr und mehr sich selbst überlassen.

Aus welchen Familien kommen solche verzweifelten Kinder?

M.D.: Aus Familienverhältnissen, die für sie schlimmer sind, als die Option „Strasse“. Wir haben Kinder aus Familien, die nicht so viele Möglichkeiten in ihrem Dasein haben, wie auch Kinder aus Familien, die enorm viele Möglichkeiten haben. Wobei bei dieser Schicht die Kinder leichter „aufgefangen“ werden, in dem man sie z.B. in ein Internat gibt…

Haben die Kinder, mit denen Ihr arbeitet noch Träume, Visionen? Wünschen die sich einfach nur ein Dach über`m Kopf und eine Arbeit, oder einfach „nur“ Sicherheit?

M.D.: Also das mit der Sicherheit trifft es am ehesten. Die Kids bekommen Sicherheit oft aus Cliquen/Gruppierungen. Das ist ihnen lieber als die Sicherheit eines Erwachsenen. Den Erwachsenen trauen sie nicht mehr, auf Grund ihrer Vergangenheit. Alle Kinder bei uns haben Gewalt erfahren, sei es körperlich oder verbal. In einem solchen Ausmaß, dass sie von dem Ort der Gewalt abhauen und eine Art von Geborgenheit und Sicherheit auf der Strasse suchen.

Kinder brauchen jemanden, auf den sie sich verlassen können. Dem sie vertrauen können.

Was müsste Deiner Meinung nach in der Politik gemacht werden, dass in dem Bereich Kinder/Jugend mehr Hilfe, Bewusstsein und Aufmerksamkeit gewährleistet ist?

M.D.: Ich würde mir mehr Anerkennung wünschen. Anerkennung von und für Menschen und für deren Bedürfnisse insgesamt.

Mit mehr Anerkennung und Aufmerksamkeit kann eventuell mehr „bewegt“ werden, meinst Du das so?

M.D.: Könnte man so sagen, ja.

Was läuft Deiner Meinung nach grundsätzlich schief in den Familien / in der Gesellschaft? Um noch mal auf meine Feststellung zurück zu kommen, dass sich die letzten zehn Jahre so viel verändert hat.

M.D.: Ich persönlich nehme wahr, dass einige Eltern in der Tat als Mutter / Vater überfordert sind. Das liegt wohl an dem gesellschaftlichen Druck, dass wir hier in einem System leben, in dem es nur „Gewinner“ zu etwas bringen können…Dieses Leistungsprinzip übertragen die Eltern auf ihre Kinder, was wiederum die Kinder überfordert…

Meinst Du, in Zukunft werden es mehr Kinder, die auf der Straße „landen“ bzw. dahin flüchten?

M.D.: Für uns erreichbar sind es weniger geworden. Aber das liegt auch daran, dass wir nicht mehr so viel Personal wie früher haben. Statt früher mit fünf, arbeiten wir aktuell mit zweieinhalb Stellen.

Und die „Brennpunkte“, an denen sich die Kids meistens aufgehalten haben, gibt es in der Form nicht mehr, weil die speziellen Viertel mehr und mehr „gesäubert“ wurden von der Stadt und die Jugendlichen sich so großräumiger verteilen müssen.

Für mich hört sich das so an, dass einfach von oberster Stelle diese Problematik ausgeblendet wird, in dem man in diesem Bereich Personal abbaut, anstatt aufstockt, und die gewissen Viertel  „desinfiziert“, um so eine schöne saubre Stadt zu präsentieren! Solche Maßnahmen sind ja immer gut für die Statistiken und tragen zur allgemeinen „Wohlfühl-Politik“ bei. Wahnsinn!

M.D.: Was uns noch aufgefallen ist, dass z.B. auf dem Strassenstrich nicht mehr so viele junge Menschen stehen, weil jetzt mehr über Internet und Handy gemacht wird. Die Vernetzung und Vermittlung von Prostitution findet inzwischen sehr viel mehr über das Internet statt. Also ist die Präsenz auf der Straße nicht mehr so wichtig.

Was für eine Rolle spielen Drogen bei diesen Jugendlichen?

M.D.: Eine Art „Abschottung“ und eine Art „Flucht“ vor der eigenen Biografie. Bei uns sind auch Kinder, die aus öffentlichen Hilfeeinrichtungen zu uns kommen. Da gibt es Geschichten, in denen die Kids selbst an solchen Orten Gewalt und Missbrauch erleiden mussten. Das reicht von ausgedrückten Zigaretten auf dem Körper bis hin zu Vergewaltigungen…

Es passieren also nicht nur gewalttätige Übergriffe im Elternhaus.

Mit diesen traumatischen Erlebnissen müssen die Kinder fertig werden, da laufen sie schnell Gefahr, Opiate zu nehmen, die diese Tatsachen „betäuben“.

Wie geht es Dir in Deinem Job nach so vielen Jahren? Ihr verzeichnet ja auch Erfolge. Also Eure Arbeit ist nach wie vor sehr wertvoll.

M.D.: Ja sicher. Wir bekommen immer wieder positive Rückmeldungen von ehemaligen Klienten, die uns berichten, dass es ihnen gut geht, dass sie es „geschafft“ haben. Das ist schön und wichtig.

Hast Du einen persönlichen Wunsch für Deine Arbeit?

M.D.: Ich möchte da noch mal das Wort „Anerkennung“ erwähnen. Wir brauchen mehr Personal und weniger Bürokratie. Ich sehe mich als Bestandteil des Jugendhilfesystems und wünsche mir in diesem Bereich mehr Handlungsspielraum.

Danke für dieses aufschlussreiche Gespräch und ich finde es so wichtig, dass es Euch gibt!