Gina Gonsior – Feriencamp für Kinder
Sandra Schuster-Böckler im Gespräch mit der Initiatorin von Gioadivita.
Gina Gonsior ist Erzieherin und Puppenspielerin, sie hat 1997 das Kinderhaus
Die Wolpertinger-Pädagogen und Künstler für Kinder in München-Schwabing gegründet.
2008 hat sie ihr 42 000 qm Grundstück in Italien an die Stiftung Gioiadivita geschenkt um darauf ein Modellprojekt für junge Menschen in Umbruchsphasen zu errichten.
Du sagst in einem Artikel von 2007, dass Dein Leben schon immer von der Suche nach dem verlorenen Paradies, von der Verwirklichung Deiner inneren Bilder nach Gemeinschaft, geprägt war. Du sagst, dass Du schon immer wusstest, dass es mehr geben muss, als das, was die Gesellschaft, in der Du aufgewachsen bist, darstellt. Mittlerweile ist Dein Inselprojekt „Zukunftswerkstatt“ und die „Life Balance Akademie“ für Kinder und Jugendliche in Italien fester Bestandteil Deines Lebens. Würdest Du sagen, Du hast gefunden, was Du gesucht hast?
Gina: Ich baue seit 2003 mit meinem Wegbegleiter Ernesto und vielen ständig wechselnden Menschen hier ein Projekt für junge Menschen auf und ich denke, es sind die Prozesse, wie etwas entsteht, die mich faszinieren. Ich habe hier einen Platz gefunden, an dem viel möglich ist. Die Mischung aus wilder Natur und Kulturland ist sehr inspirierend und die Menschen gastfreundlich.
Ich denke, dass man letzten Endes nur immer sich selbst finden kann, das hat eher mit einem inneren Ort als mit äußeren Projekten zu tun. Diese „geistige Heimat“ entdecke ich immer wieder neu. An diesem Ort bin ich zu Hause, wenn ich in meiner Mitte bin. Oft lasse ich mich aber auch von äußeren Ereignissen, Verpflichtungen oder Menschen herauskicken. Wichtig ist, ganz tief in mir selbst zu wissen, dass es diesen Ort gibt.
In der „Life Balance Akademie” können Jugendliche nach ihrem Schulabschluss eine Art Orientierungsjahr bei Euch machen. Für junge Menschen, die noch nicht so recht wissen, wie es nach der Schule weitergehen soll, bietet die Akademie eine große Auswahl an Möglichkeiten, sich selbst besser kennen zu lernen. Kannst Du mir zu diesen Möglichkeiten mehr sagen?
Gina: Ich bitte zu bedenken, das wir noch in der Aufbauphase sind. Wir hatten in den letzten beiden Jahren schon junge Menschen, nach der Regelschulzeit als Praktikanten vor Ort. Und das Feedback war immer ähnlich. Sie bekommen den Kopf frei und finden es gut, dass sie sich selber wieder spüren. Durch die Arbeit in der Natur und in Gemeinschaft, kommen Möglichkeiten hoch, die z.B. in der alten Schulclique, bei den gewohnten „Rattengängen“ gar nicht auftauchen konnten.
Wir haben aber noch kein spezifisches Programm durchgeführt, sondern einfach nur an kleinen Bauprojekten oder im Garten oder bei der Olivenernte zusammen gearbeitet.
Ich kann momentan nur über geplante Möglichkeiten sprechen. Wir haben ein Netzwerk von möglichen Lehrern, alles Profis auf ihrem Gebiet aus allen möglichen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, die bereit sind, ihr Wissen weiterzugeben. Den ersten Jahresplan kann man auf unserer Webseite einsehen. www.gioiadivita.org
Das, worum es uns geht, ist vom theoretischen Wissen ins Handeln zu kommen. Lebenspraktisches Wissen zu vermitteln und zu erarbeiten.
Wir werden einen großen Teil der Akademie mit den jungen Menschen in Form von Workcamps erbauen. Z.B. das Bauen einer Pflanzenkläranlage oder das Bauen von Zirkuswagen. Ganz wichtig bei all den Prozessen ist die tägliche Reflektion, so etwas macht man gewöhnlich im „normalen Alltag“ nicht. Warum ist das eine Team erfolgreich und das andere nicht, wie kann ich herausfinden, was meine eigenen Potenziale sind. Woran erkenne ich, dass es wirklich meine eigenen sind?
In dem Artikel, den ich über Dich und Dein Projekt gelesen habe, fand ich den Satz: Starthilfe für ein authentisches Leben. Das gefällt mir sehr gut, denn an Authentizität mangelt es an allen Ecken und Enden. Bei Euch bekommen junge Menschen diese Starthilfe. Was meinst Du, warum bekommen viele das nicht zuhause, von ihren Eltern?
Gina: Weil viele Eltern einfach mit ihrer eigenen Existenzsicherung beschäftigt sind und weil für viele Authentizität kein Wert ist. Den meisten ist es wichtiger, was die anderen denken, was in der jeweiligen Gesellschaft angesagt, geglaubt, erlaubt oder verboten ist. Weil eigene Wahrheiten Angst machen, weil man dann unter Umständen gegen den Strom schwimmen muss und das ist anstrengend. Viele haben ihre Ideale und ihre Träume aufgegeben für ein Leben in materieller Sicherheit. Sie glauben, was die Massenmedien ihnen vorsagen, sie ziehen an, was die Mode diktiert usw.
Ich erlebe im Grundschulhort ab der dritten Klasse bei vielen Eltern eine kollektive Massenhysterie,die Angst haben, dass ihr Kind den Sprung aufs Gymnasium nicht schaffen könnte. Kinder werden dann oft mit Nachhilfe gequält und die Erzieher für unfähig erklärt. Sie glauben, dass ihr Kind nur mit Abitur das Leben erfolgreich bewältigen kann und dass man mit entsprechend Druck dies erreichen kann.
Fragen wir doch mal wirklich erfolgreiche Menschen, welche Fähigkeiten sie haben, und welche davon sie in der Schule gelernt haben. Die meisten haben ihre Fähigkeiten selbst entwickelt, wenn sie das Glück hatten, ohne große Schäden und ohne den Verlust ihrer Kreativität und ihres Selbstbewusstseins durch das Schulsystem zu kommen und wenn sie Erwachsene in ihrer Nähe hatten, die ihnen den Rücken gestärkt haben.
Genau um diese Themen geht es auch in meinem Projekt. Ich möchte herausfinden, was in den Kindern vorgeht, was sie bewegt. Um so den Erwachsenen, den Eltern und Lehrern Denkanstöße zu vermitteln. Ich habe das Gefühl, es finden zu wenig authentische Dialoge zwischen Eltern/Lehrern und Kindern statt. Manchmal glaube ich, die Eltern wollen sich gar nicht wirklich mit der Welt ihrer Kinder auseinandersetzen. Oder sie sind einfach nicht in der Lage dazu?
Gina: Ich gehe davon aus, dass Eltern immer das Beste für ihr Kind wollen. Die Erwachsenen können sich nicht mehr daran erinnern, wie es ihnen ging als sie Kind oder Jugendlicher waren, sie haben es verdrängt oder vergessen. Oder sie sagen, “ja diesen Flausen hatte ich auch mal im Kopf”, aber dann kommt der Ernst des Lebens. Oder “Träume sind Schäume”. All diese lebensverneinenden Glaubenssätze. Wir leben in einer Gesellschaft, in der lebendige und lebensfördernde Prozesse nicht unbedingt auch gefördert werden. 70% der deutschen Bevölkerung sind z.B. gegen einen Einsatz von Soldaten nach Afghanistan und trotzdem wird er von unserer Regierung gemacht, wir werden mit Argumenten zum Schweigen gebracht, die nur, weil sie immer wiederholt werden, nicht wahrer werden.
Wenn du ein privates Kinderhaus oder so eine Institution wie die Life Balance Academy aufbaust, wirst du mit öffentlichen Mitteln nicht gefördert, dafür hat unsere Regierung kein Geld. Wenn du deine Potenziale nicht kennst, kannst du auch keinen Kampfgeist entwickeln. Kampfgeist in dem Sinn, dass du dich von Widerständen nicht beeindrucken lässt, sondern kontinuierlich, trotz Rückschritten, deine Ziele verfolgst.
Viele Erwachsene sind einfach vom Alltag erschöpft, von all den selbstauferlegten Zwängen und Verpflichtungen. Ich denke es ist einfach Unbewusstheit.
Auch Dir möchte ich diese Frage stellen: Was glaubst Du, bringt einen jungen Menschen dazu, Amok zu laufen?
Lebensangst, Verzweiflung, mangelnde Liebe?
Gina: Ich denke es ist eine Mischung aus vielen Faktoren aber das Wichtigste ist, sich nicht wahrgenommen und anerkannt zu fühlen. Akzeptiert und wertgeschätzt zu werden so wie man ist. Desinteresse und Gleichgültigkeit des Umfeldes für zerstörerische Prozesse. Das Gefühl hilflos zu sein und keine Wahl zu haben. Letztlich auch immer Mangel an Liebe.
Ich bedanke mich ganz herzlich bei Dir für dieses Interview. Ich bewundere Deine Arbeit, Dein Engagement und dass auch Du Deiner Vision gefolgt bist!