Sandra Schuster-Böckler im Gespräch mit einer Bewährungshelferin aus München

Ich habe mich entschieden, den Namen meiner Interviewpartnerin nicht zu veröffentlichen.

Frau B., Sie arbeiten nun schon seit 19 Jahren als Bewährungshelferin. Hat sich gerade in den letzten Jahren etwas auffällig verändert in diesem Bereich? Sind die Jugendlichen Straftäter im Schnitt jünger als früher?

Die Strafmündigkeit der Jugendlichen beginnt mit 14 Jahren. Wir arbeiten hier mit jugendlichen Straftätern, deren Jugendstrafe bei der Verhandlung oder nach einer Teilverbüßung zur Bewährung ausgesetzt wurde. Dies bedeutet, dass die Jugendlichen, die zu uns kommen, bereits etwas älter sind. Das Instrument der Bewährung ist nicht die erste Wahl. In der Regel werden strafrechtliche Auffälligkeiten zunächst mit Erziehungsmaßregeln, wie z.B. der Erteilung von Weisungen  oder mit Zuchtmitteln wie z.B. die Verhängung von Jugendarrest, geahndet.

Als Unterschied zu früher ist feststellbar, dass die Problemlagen der Jugendlichen multifaktorieller sind und somit einen Spiegel gesellschaftlicher Veränderung darstellen.

Haben sich die Motive im Gegensatz zu früher verändert? Mit welchen Straftaten haben wir es überwiegend zu tun?

Meines Erachtens haben sich die Motive der Jugendlichen kaum verändert. Insgesamt haben Gewaltdelikte geringfügig zugenommen. Jedoch ist die Hemmschwelle, Gewalt auszuüben, gesunken – doch die Intensität der Aggressionen deutlich höher geworden. Anteilig sind hier Körperverletzungs-, Eigentums- und Betäubungsmitteldelikte nahezu gleichmäßig vertreten. Einen sehr geringen Teil bilden Sexual- und Straßenverkehrsdelikte.

Aus welchen Familien kommen die Jugendlichen überwiegend?

Die durch die Bewährungshilfe betreuten Jugendlichen kommen überwiegend aus Familien, die es in unserer Gesellschaft nicht so leicht haben. Häufig sind die Eltern mit eigenen Problemen wie Arbeitslosigkeit, Sucht und Verschuldung überfrachtet und auch deshalb mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Gesellschaftlich hat eine Verschiebung von Werten und Normen stattgefunden.

Bildung spielt ebenfalls eine große Rolle. Jugendliche, die aus Familien kommen, die man heutzutage als „bildungsfern“ bezeichnet, treffen wir häufiger in unserer Arbeit an, als andere.

Das Bedürfnis der Jugendlichen nach Halt, Klarheit und Orientierung hat sich daher eher verstärkt. Die Schere zwischen den gesellschaftlichen Schichten klafft immer weiter auseinander.

Haben Sie den Eindruck, dass die Zukunftsperspektiven der jungen Menschen eher „leer“ sind? Und wenn ja, WARUM?

Ich habe den Eindruck, die Jugendlichen erleben ihre Zukunftsperspektiven eher schlecht. Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, hohe materielle Ansprüche und Schnelllebigkeit der Gesellschaft lassen sie immer mehr Fragen nach dem Sinn ihres Lebens und nach ihrem Platz in der Gesellschaft stellen.

Gerade Jugendliche mit mangelnder Schulbildung, ohne  Berufsabschluss, sowie mit sozialen und psychischen Auffälligkeiten sind den hohen Anforderungen häufig nicht gewachsen und werden somit immer mehr an den sozialen Rand gedrängt.

Wie schätzen Sie die Fürsorge der Eltern ein? Sind viele junge Menschen von heute „verloren“ und alleingelassen, weil die Eltern vielleicht selbst überfordert sind?

Wie ich bereits in der dritten Frage erwähnte, sind viele Eltern, egal aus welcher Gesellschaftsschicht, sehr stark belastet. Traditionelle Werte haben weniger Bedeutung, Beziehungsaspekte werden geringer geschätzt. Der Zeitgeist ist, sich weniger Zeit füreinander zu nehmen. Fürsorge wird häufig mit dem Zukommen lassen von Statussymbolen verwechselt. An den emotionalen Grundbedürfnissen der Jugendlichen hat sich jedoch nichts verändert!

Was halten Sie von den verschiedenen neuen Methoden in der Kinder – und Jugendarbeit, sprich: Coaching, Mediatoren, Anti-Gewalt-Training? All das gab es in dieser Vielfalt früher nicht, warum ist das heutzutage so notwendig ?

Auf Bedarf wird entsprechend reagiert. Die Angebote haben sich der gesellschaftlichen Entwicklung angepasst.

Es gibt Jugendliche, die immer und immer wieder straffällig werden? Was ist mit diesen jungen Menschen los?

Es gibt die jugendlichen Wiederholungstäter. Verschiedene Gründe für ihre Motivation, wie beispielsweise ihre Perspektivlosigkeit, wurden bereits oben benannt. Zusätzliche Aspekte sind Beginn von Sucht, psychischen Erkrankungen und Outlaw – Identity (Ausenseiter-Dasein).

Die Anzahl der jugendlichen Intensivstraftäter ist im Übrigen deutlich niedriger, als in der Öffentlichkeit angenommen. Sie erzielen durch ihre massiven, und damit medienwirksamen, Straftaten ein besonders hohes Maß an Aufmerksamkeit.

Leider sind gerade diese Jugendlichen schwer erreichbar. Inzwischen bietet auch die Bewährungshilfe München ein Projekt für jugendliche Intensivtäter an. Wir hoffen, damit besseren Zugang zu dieser Gruppe zu finden. Insgesamt ist eine bessere Kommunikation, und die Bereitschaft, mehr Zeit miteinander zu verbringen, wünschenswert und dringend notwendig.

Was bezeichnen Sie als Erfolg in ihrer Arbeit?

Ca. 60% der straffälligen Personen schließen ihre Bewährung erfolgreich in der regulären Zeit ab. Das heißt, dass sie diese Bewährungszeit straffrei und ohne Verstoß gegen die Auflagen verbringen.

Für mich persönlich bedeutet Erfolg in unserer Arbeit aber vielmehr, als die Einhaltung der Bewährungsauflagen. Wir arbeiten ressourcenorientiert und fördern die Stärken unserer Klienten. Erfolg zeichnet sich für mich bei den unterschiedlichen Klienten in vielerlei Hinsicht ab, vor allem aber in kleinen Schritten. Wenn ein Klient eine Arbeit oder Ausbildung durchhält, obwohl es Schwierigkeiten gibt. Oder jemand schafft es, regelmäßig die Termine bei mir einzuhalten, obwohl er ansonsten große Probleme mit Verbindlichkeiten hat und eher chaotisch lebt.

Vielen dank, dass Sie mir einen Einblick in Ihre Arbeit gewährt haben.