AndrĂ© Stern – …und ich war nie in der Schule
Sandra Schuster-Böckler im Gespräch mit AndrĂ© Stern, Autor des Buches”…und ich war nie in der Schule”
Aufgrund seiner interessanten Herkunft und seiner außergewöhnlichen Kindheit habe ich AndrĂ© Stern um ein Interview gebeten.
Ich habe sein Buch mit großer Begeisterung gelesen und bin dankbar, diesen Menschen persönlich getroffen zu haben.
André ist 38 Jahre, verheiratet, lebt in Paris und seine Berufe sind Musiker, Gitarrenbauer, Journalist, Autor und Informatiker.
AndrĂ©, ich möchte Dich gerne zu verschiedenen Erziehungsmethoden bzw. Problematiken in diesem Bereich befragen. Gerade weil Du und Deine Schwester so anders aufgewachsen seid, interessiert mich Deine Meinung zu diesen Themen.
Wenn z.B. eine allein erziehende Mutter sich entscheidet, einen ähnlichen Weg einzuschlagen, wie den Deiner Eltern; also ihr Kind nicht zur Schule schicken und es sich frei entfalten lassen in seiner Entwicklung. Wie kann so jemand das umsetzen?
AndrĂ©: Keine Ahnung. Und ganz bewusst weiß ich das nicht. Ich glaube nur an individuelle Lösungen, ich kann nicht erahnen, was für den einen oder den anderen das Richtige ist. Ich glaube nicht an „Methoden“. Man kann individuelle Lebensentwürfe nicht auf andere übertragen.
Was mich erfreut, ist, dass mein Buch andere Menschen anregt, zu neuen Gedanken zu gelangen. Dass sie den Mut finden, eventuell Wege einzuschlagen, die mehr Freiheit bedeuten können.
Weißt Du, Sandra, ich habe nichts zu verkaufen. Ich kann nur aus meinem eigenen Leben berichten.
Ich verstehe was Du meinst, aber wenn Menschen die Chance hatten, so wertfrei wie Du aufzuwachsen, dann haben diese Menschen etwas „anderes“ mitbekommen, etwas Wesentliches, deshalb interessiert mich Deine Meinung zu diesen Themen.
AndrĂ©: Ja, wir haben etwas anderes mitbekommen, aber das möchte ich nicht als etwas Wesentliches benennen. Einfach anders eben.
Okay. Ich merke, es wird nicht so einfach, meine Fragen an Dich zu stellen, denn Du bist sehr vorsichtig, was Meinungen und Urteile angeht.
Kennst Du den Begriff „Schreibabys“? Was kannst Du mir dazu sagen?
AndrĂ©: Das habe ich noch nie gehört. Aber ich kann mir vorstellen, was damit gemeint ist.
Ich habe das Gefühl, dass es keine Kinder gibt, die einfach schreien, weil sie ungezogen sind oder gar der ganzen Welt den Spaß verderben wollen. Ich glaube, dass ein schreiendes Baby einfach mitteilen möchte, dass irgendetwas nicht stimmt. Manche Babys kommen auf die Welt, ohne dass die Eltern noch maßgeblich daran beteiligt sind. Vieles wird Experten überlassen und die Mütter werden dazu trainiert, bei der Geburt nichts zu spüren. Am Tag der Geburt wird die werdende Mutter betäubt, ihr wird geraten, alles den Spezialisten zu überlassen und wenn der Säugling geboren ist, nehmen sich diese Spezialisten sofort dem neuen Menschenkind an. Die Nabelschnur wird durchtrennt, das Kind wird sauber geputzt, das Licht ist grell wie in einem Operationssaal. Das sind die ersten Minuten eines Neugeborenen…hört sich nach Stress an. Vielleicht ist das ein Grund für häufiges Schreien von Babys?
Normalerweise, und das sagt auch die Wissenschaft, gehört ein Neugeborenes sofort nach der Geburt auf den Bauch der Mutter gelegt. Ohne vorher irgendwelche Maßnahmen zu vollziehen. Ein Embryo hat sich neun Monate alleine entwickelt, wieso soll er nicht auch jetzt seinen Weg finden; nämlich den natürlichen ersten Weg zur Brust der Mutter.
Danke für diese Aussage, die ich absolut mit Dir teile.
AndrĂ©: Ich möchte aber betonen, dass das meine persönliche Sicht der Dinge ist. Ich schließe nicht aus, dass mir das irgendwann auch passieren kann, dass wir alles tun, was nach unserer Meinung “gut” ist und zu solchen Problemen nicht führen sollte… und dass wir trotzdem ein Baby bekommen, das viel schreit.
Manche Menschen bemängeln an Deinem Buch, dass darin ja nichts von wirklichen Problemen steht. Ich persönlich freue mich über einen glücklichen Menschen, der auch noch eine glückliche Kindheit hatte. Aber einige suchen den Haken und wollen nicht glauben, dass man tatsächlich stets ein glücklicher Mensch sein kann.
AndrĂ©: Ich berichte über Probleme, aber das wird von vielen Lesern nicht wahrgenommen. Vielleicht weil ich daraus eben kein Drama mache. Es gibt für mich keine Trennlinie zwischen Glück und Unglück. All diese Erfahrungen gehören zusammen zu dem ganzen Prozess namens „Leben“.
Mein Fragenkatalog über das Thema Kinder und Erziehung, den ich hier mitgebracht habe, stelle ich Dir, weil ich nach Antworten suche. Antworten, die erklären, warum unsere gesellschaftliche Situation in Sachen Kinder und Jugend mittlerweile zum Riesenproblem mutiert ist. Warum gibt es immer mehr Kinder, die traurig, verunsichert, überfordert und auch wütend sind? Was läuft hier falsch? Ich habe das Gefühl, es liegt an der Natürlichkeit, den instinktiven gesunden Werten, die in dieser Leistungsgesellschaft verloren gegangen sind. Und Kinder spüren das. Sie spüren, dass da etwas nicht stimmt, nicht richtig ist. Sie haben sogar das Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht richtig ist. Denn das bekommen sie ja täglich einsuggeriert. „Tu das nicht, mach das nicht. Das kannst Du noch nicht. Das schaffst Du noch nicht. Du hast ADHS. Du bist aber heute ungezogen. Ich weiß nicht, was ich noch mit Dir machen soll. Das verstehst Du noch nicht……….“
Habt Ihr denn als Kleinkinder auch alles aus den Schränken Eurer Eltern geräumt? Oder habt einfach nicht “gehört”, wie es viele Eltern heute beklagen?
AndrĂ©: Nein, warum auch? Wir mussten uns keine Aufmerksamkeit auf diese Weise erbeten. Wir hatten sie. Wir wurden von Beginn an als Persönlichkeiten behandelt und auch dementsprechend ernst genommen. Natürlich gab es klare Strukturen und Regeln bei uns zuhause, an die wir uns ganz selbstverständlich gehalten haben. Aber wir durften uns mit den Dingen beschäftigen, die uns entsprachen.
Wenn Du z.B. einen guten Freund hast, der „auf die schiefe Bahn“ geraten ist, sich verloren hat…was tust Du? Versuchst Du ihm zu helfen?
AndrĂ©: Ich sage ihm, dass es mich traurig macht und es mich stört. Aber was soll ich sonst machen? Man kann niemanden zu seinem Glück zwingen. Unsere Wege gehen dann in zwei verschiedene Richtungen und ich würde diesem guten Freund sagen „Ich kann nicht mitkommen, da wo Du hingehst, ich fühle mich dort nicht sicher.“ Ich werde aber auch nicht behaupten, dass mein Weg der Richtige ist; nur dort fühle ich mich eben wohler.
Das ist eine interessante Antwort.
An was glaubst Du?
AndrĂ©: Ich werde Dir meine persönliche Sicht dazu sagen. Es gibt Begriffe, die größer sind als wir, die wir deshalb nicht verstehen können. Liebe z.B. empfinden und erleben wir, aber verstehen können wir sie nicht. Es gibt Hauptströmungen in unserem Leben, die uns tragen, eben größere Dinge, die wir nicht mit dem Verstand erfassen können. Im Prinzip verstehen wir das Leben nicht wirklich. Vieles können wir nicht wahrnehmen, weil uns die entsprechenden Sinne dafür fehlen. Diese Einsicht hat für mich etwas mit dem Begriff „göttlich“ zu tun.
Anhand der Religion mit dem göttlichen Begriff zu verhandeln, finde ich unangemessen.
Ich möchte noch erwähnen, dass mir die jüdische Tradition wichtig ist. Ich bin nicht religiös erzogen worden und ich meine das auch nicht in religiöser Hinsicht. Vielmehr achte ich meine Wurzeln und habe Respekt vor meiner Herkunft und meinen Ahnen.
Neulich hat jemand zu mir gesagt, es gibt Menschen, die von Natur aus „böse“ sind. Ich kann dem nicht zustimmen. Was meinst Du dazu?
AndrĂ©: Es gibt eine Geschichte von Einstein, da geht es um die Frage: “Wenn es Gott gibt, warum lässt er dann soviel Übel auf Erden zu?” Sobald ein wenig Licht da ist, gibt es keine Dunkelheit mehr. Dunkelheit gibt es erst, wenn kein Licht mehr vorhanden ist. So ist das auch mit Hass, dort haben wir es mit der absoluten Abwesenheit von Liebe zu tun. Minus 30 Grad ist sehr kalt. Aber die absolute Kälte liegt bei Minus 274 Grad Celsius. So ist das für mich ein sehr klares Bild geworden.
Eine Erfahrung habe ich bis jetzt gemacht, ich habe noch nie „böse“ Kinder getroffen.
Wie Du schon gemerkt hast, bin ich sehr vorsichtig, was Meinungsäußerungen betrifft. Wenn ich vor einem Problem stehe, versuche ich immer, meine Meinung in den Hintergrund zu stellen und die natürlichste Lösung zu finden.
Noch eine Anmerkung, ich denke, es ist eine gute Sache, wenn man von Anfang an das „anders sein“ seines Gegenübers respektiert. Damit erspart man sich und dem anderen vielleicht viele Sorgen.
Das gefällt mir. AndrĂ©, vielen dank für dieses interessante und schöne Gespräch!
(Das Interview/Gespräch hatte eine Dauer von 2 Stunden, ich habe mir erlaubt, es für die Webseite zu kürzen.)